Jeewi Lee

Vor·wurf, 30 April – 26 June 2021

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(english version below)

Vor·wurf

Vorwurf ist ein Begriff, der jedem vertraut ist. Jeder hat schon einmal einen Vorwurf gemacht oder wurde Adressat eines solchen. In früheren Zeiten nutzte man den Begriff auch in der Bedeutung von Vorlage, Entwurf oder Thema für ein Kunstwerk. Die Künstlerin Jeewi Lee interessiert besonders, dass im Vorwurf auch immer die Reaktion auf ein vergangenes Handeln zu Tage tritt: Es ist ein Nachhall, ein Echo, eine wahrnehmbare Spur. Diese kann bleiben oder sich verflüchtigen, deutlich oder schwach sein, überdauern oder in Vergessenheit geraten.

Der Zusammenhang zwischen dem Begriff und der neuen Arbeit, die Jeewi Lee für ihre Einzelausstellung Vor•wurf verwirklicht hat, lässt sich nur erahnen. Er deutet zwar auf ihre persönliche Geschichte hin, bleibt aber offen. Die Künstlerin bezieht darin keine Position, öffnet aber einen Raum für Fragen und Gedanken.

Betritt man den Ausstellungsraum, wird man mit einer monumentalen Installation konfrontiert. Ein frei hängendes Tafelbild, das an ein Würfelnetz erinnert. Es ist der komplett aufgefaltete Wohnraum ihres verstorbenen Großvaters.

Für die Ausstellung Vor·wurf reiste Lee nach Südkorea in das Dorf Ha-Dong, nahe der Hafenstadt Busan, wo das Haus ihres Großvaters steht. Manchen galt er als tapfere Persönlichkeit, anderen als gewalttätiger Familientyrann. Vielleicht war er auch selbst nur ein Opfer des Koreakrieges, in dem er als jugendlicher Soldat kämpfte und aus dem er verletzt zurückkehrte. Er starb kurz vor der Geburt der Künstlerin, so dass sie ihren Großvater nie persönlich kennen gelernt hat. In Erzählungen, vor allem aber in Vorwürfen, die Familienmitglieder ihm machten, ist er bis heute gegenwärtig.

Lee begab sich für die Ausstellung zum ersten Mal in das verlassene Haus und setzte sich dieser Vergangenheit aus. Der Großvater hatte Jahrzehnte in dem Haus gewohnt. Seine Spuren haben sich in die Wände eingeschrieben, teilweise wortwörtlich. So entdeckte Lee beim Ablösen der Tapete unter verschiedenen Schichten einige Notizen auf Papier, die er an die Wand geheftet hatte. Lebensweisheiten, Vorsätze und auf Papier gedruckte Amulette.

Lee löste die Tapete akribisch in einem Stück von den vier Wänden und der Decke seines Zimmers und brachte die Tapete so nach Deutschland und in den Ausstellungsraum. Dort hängen Wand und Decke nun aufgefaltet und zweidimensional, über zehn Meter lang und freischwebend, von der Galeriedecke herab. Die Wand des aufgefalteten Raumes ist für Lee wie eine zweite Haut, in welche die persönliche Geschichte ihres Großvaters eingeschrieben ist.

Definierte die Wand im Haus vor allem den Lebensraum des Großvaters, wird sie nun zum Ausstellungsobjekt. Besucher werden eingeladen, die in die Wand eingeschriebenen Spuren zu entdecken. Lee betrachtet die Wand auch als ein Archiv, in dem Stimmungen und Schwingungen aufbewahrt sind.

Vor der schwebenden Wand hängen Objekte an den Galeriewänden, Haushaltsgegenstände des Großvaters, die in Bronze gegossen und daher wie eingefroren sind: ein Waschbrett, ein Sieb, ein Flaschenöffner, eine Suppenkelle, eine Feile, ein getrockneter Schwammkürbis, ein Haken, eine Gardenienfrucht, ein Wäscheschläger, eine Backform und zwei getrocknete Fische.

Die bronzenen Skulpturen stehen im atmosphärischen Gegensatz zur verbrauchten und zerschlissenen Tapete und lenken den Blick auf die formalen Eigenheiten und den Charakter der alltäglichen Haushalts- und Naturgegenstände. Nicht zuletzt wird durch das klassische Skulpturenmaterial Bronze Alltagsgeschichte konserviert und gleichsam veredelt.

Nüchtern hängen die Bronzen an den ultramarin blauen Galeriewänden. Ultramarin bedeutet „über das Meer“ – wie auch die Wand nach Deutschland kam. Auch erinnert das Blau an die Bluescreen-Technik im Film und unterstreicht die Geste der Künstlerin, die mit persönlicher Geschichte aufgeladene Wand aus ihrem Umfeld zu entnehmen und in einen neutralen Ausstellungsraum zu platzieren. Für Goethe hatte Blau etwas „Widersprechendes von Reiz und Ruhe im Anblick“, so tritt hier das Spannungsverhältnis auch farblich zu Tage.

In der Ausstellung Vor·wurf lässt Lee subjektive Geschichte auf ruhige Objektivität prallen und erdtonige, persönliche Gegenstände vor einem kalten Blau schweben. Die Ausstellung wird von einer Publikation begleitet, in der die Künstlerin literarische und wissenschaftliche Texte zusammengetragen hat, die sich dem Begriff des Vorwurfs mal undeutlich, mal präzise nähern und lediglich Ansätze bieten. Einfache oder schnelle Antworten präsentiert Lee damit nicht. Sie stellt uns mit dem Kopf vor die Wand, um unsere Wahrnehmung zu schärfen und unsere Gedanken zu öffnen. Die Deutungsmöglichkeiten und subjektiven Wahrheiten sind dabei zahlreich, die Beziehungen zwischen Menschen kompliziert oder – wie Thomas Bernhard sagen würde – „einfach kompliziert“.

 

Vor·wurf

(literally: forward·throw // meaning: reproach)

Reproach is a term familiar to everyone. Everyone has reproached someone or has been the recipient of reproach, at one time or another. In earlier times, the German term Vorwurf was also used to refer to a template, design or theme for a work of art. The connection between the term and the new work that Jeewi Lee has realised for her solo exhibition can only be guessed at. It hints at her personal history, but remains open. The artist deliberately does not take a position. When you enter the exhibition space, you are confronted with a monumental installation: a free-hanging panel reminiscent of a cube network (“Würfelnetz”). It is the complete unfolding of her late grandfather’s living room.

For the exhibition Vor·wurf, Lee travelled to South Korea, to the village of Ha-Dong, near the port city of Busan, where her grandfather’s house stands. Some saw him as a brave personality, others as a violent family tyrant. Or maybe he was just a victim of the Korean War, in which he fought as a teenage soldier and from which he returned injured. He died shortly before Jeewi Lee was born, so she never got to know her grandfather personally. Nonetheless, he remains ever-present through the stories of reproach (Vorwurf) made against him by his family members.

Lee went to the abandoned house for the first time for the purpose of this exhibition and she confronted the past. She removed the wallpaper from the four walls and ceiling of her grandfather’s room and brought it to Germany in one piece. In the exhibition, the wall and ceiling now hang open, two-dimensionally, over ten metres long and free-floating from the gallery ceiling.

The grandfather had lived in the house for decades. His traces had been inscribed on the walls, sometimes literally speaking. When Lee peeled off the wallpaper, for example, she discovered some paper notes pinned to the wall underneath different layers. Words of wisdom, resolutions and amulets printed on paper. For Lee, the wall of the unfolded room is like a second skin onto which the personal story of her grandfather is inscribed.

While the wall in the house primarily defined the grandfather’s living space, it is now an exhibition object. Visitors are invited to discover the traces inscribed on the wall. Lee regards the wall as an archive in which moods and vibrations are stored. In front of the floating wall, objects hang on the gallery walls – former household items of the grandfather, cast in bronze and therefore frozen in time: a washboard, a sieve, a bottle opener, a soup ladle, a file, a dried sponge gourd, a hook, a gardenia fruit, a laundry beater, a baking dish and two dried fish.

The bronze sculptures counteract the setting of the worn and tattered wallpaper and open the view to the formal peculiarities and character of the everyday household and natural objects. Last but not least, the classic sculptural material, bronze, preserves and enhances everyday history. The bronzes hang soberly on the blue gallery walls. The walls were painted ultramarine blue especially for this exhibition. Ultramarine means literally “across the sea” – just as the wall came to Germany. Furthermore, the blue is reminiscent of bluescreen film technology, underlining the artist’s gesture of taking the wall – which is charged with personal history – out of its original surroundings, and placing it in a neutral exhibition space. For Goethe, blue had something “contradicting the charm and tranquility of sight”, which underlines this tension.

In the exhibition Vor·wurf, Lee lets subjective history collide with calm objectivity and earthly personal objects float in front of a cold blue. The exhibition is accompanied by a publication in which the artist aims to provoke thought about the concept of reproach through literary and scientific texts. Lee does not present simple or quick answers. She puts our heads in front of the wall to sharpen our perception and trigger thoughts. The possibilities of interpretation and subjective truths are numerous, the relationships between people complicated or – as Thomas Bernhard would say – “simply complicated”.

 

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