Jeewi Lee

Blinder Beifall, 3 June – 2 July

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Jeewi Lee: Blinder Beifall
 
»When a story ends – or ›falls into the ocean‹, as we say – it creates dreams.« (Djibril Diop Mambéty)
»Die auf Widerruf gestundete Zeit / wird sichtbar am Horizont.« (Ingeborg Bachmann)
 
In ihrer Einzelausstellung »Blinder Beifall« zeigt Jeewi Lee (*1987 in Seoul) die ›Aufzeichnung‹ eines Ereignisses, das zur Eröffnung bereits vergangen sein wird, der zentralen Installation jedoch sichtbar eingeschrieben bleibt: die Aufführung einer Zirkusgruppe, flüchtig, wie absichtslos in den Boden gezeichnet, eine Aufführung ohne Öffentlichkeit, im Kreis einer Bühne, einsam und frei. Die leere Manege wird so zum Erinnerungsbild einer ›volkstümlichen‹ ästhetischen Darbietung, einer Kunst des Ausdrucks, die im Raum noch nachhallt, wenn ihre Spuren genau betrachtet werden – zart und bewegt und zerfurcht im Sand: die Präsenz eines Ortes, presence and place; der ›Grund‹ einer Zeichnung, figure and ground; Notation der verlorenen Zeit, im Raum.
 
Die Choreografie der Zirkusgruppe bringt so ein komplexes (melancholisches?) ›Gemälde‹ hervor, das konzeptuell und methodisch den Arbeiten ähnelt, die Jeewi Lee in den vergangenen Jahren produziert hat: den weitgehend unbeachteten Spuren, die Räumen entnommen und ins Gemäldeformat übertragen wurden, exemplarisch in »Fundament«, einer Serie von Fragmenten aus Lees Atelierboden (groß und grau, fast monochrom, verlebt – die Reste der eigenen Praxis), sowie in »Past Tense«, gerahmten Ausschnitten aus traditionellen koreanischen Papierböden. Für »Blinder Beifall« werden die Spuren nun nicht zum Objekt transformiert, sondern im Raum belassen. Ihre Hervorbringung rückt in den Fokus, in verdichteter Form, präsent und passé. Eine Aufführung ohne Öffentlichkeit. Eine Öffentlichkeit ohne Aufführung. Ein Rest, der standhält, am Rand der Vergangenheit. Die Zeit, die bleibt, im äußersten Kreis.
 
Blinder Beifall. Wird hier Kritik formuliert (was auch immer das heute bedeuten mag, »Kritik«)? Kommen wir immer bereits zu spät? Ein Fest ohne Anlass? Eine Kunst ohne Zukunft? Sind wir der unentschlossene Betrachter in Kafkas Text Auf der Galerie, der verstört einer »Kunstreiterin in der Manege« zusieht und, »im Schlussmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint […], ohne es zu wissen«?
»[N]ach der Seite ihrer höchsten Bestimmung«, schreibt Hegel, bleibt die Kunst »für uns ein Vergangenes.« »The end is in the beginning«, schreibt Beckett in Endgame, »and yet you go on.«
 
Text: L.T.